SOWI bleibt in NRW

von Dr. Doris Beer www.doris-beer.de

Ich habe Mitte der 80er Jahre Sozialwissenschaften an der Universität Bochum studiert. Integrierte Studiengänge, die Politik, Soziologie und Wirtschaftswissenschaften miteinander verbanden, waren damals noch keine Selbstverständlichkeit und die Möglichkeit, die gesellschaftswissenschaftlichen Fachdisziplinen „im Dialog miteinander“ zu studieren war ein großer Vorteil.

Deshalb war ich alarmiert als ich hörte, dass die NRW-Landesregierung an Gymnasien das Schulfach Sozialwissenschaft abschaffen möchte. Tatsächlich wurde es schon zum Schuljahr 2019/2020 eingestellt, aber die Entscheidung ging in den Diskussionen um Schule in Corona-Zeiten unter. Nun sollen die Lehramtsstudiengänge nachziehen. Eine Studentin aus Moers startete auf Change.org die Kampagne „Das Fach Sozialwissenschaften darf nicht abgeschafft werden“. Fast 35.000 Unterschriften für die Beibehaltung des Schulfachs „Sozialwissenschaften“ waren zusammengekommen, als die NRW-Schulministerin in dem Portal antwortete. Sie versprach, dass alle Berechtigungen, die mit dem Fach Sozialwissenschaften in der Vergangenheit erworben wurden, bestehen bleiben. Die Antwort stellte klar, dass bereits ausgebildete Lehrer*innen mit dem Studienfach Sozialwissenschaften alle nötigen Voraussetzungen haben, um das neue Schulfach zu unterrichten.  

https://www.change.org/p/das-fach-sozialwissenschaften-darf-nicht-abgeschafft-werden-sowibleibt/responses/43524

Zitat: „… Die in den nächsten Jahren noch zu erwerbenden Abschlüsse behalten dabei natürlich ihre Gültigkeit. Alle Berechtigungen, die in der Vergangenheit mit dem Fach „Sozialwissenschaften“ erworben wurden und in den kommenden Jahren von heutigen Studierenden noch erworben werden, bleiben bestehen.
Bereits ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer mit dem Studienfach Sozialwissenschaften und einer entsprechenden Lehrbefähigung haben alle nötigen Voraussetzungen, das neue schulische Fach „Wirtschaft-Politik“ fachgerecht zu unterrichten. Eine weitere Qualifizierung ist nicht notwendig.“.

Diese Klarstellung war sicherlich beruhigend für die Studierenden der Sozialwissenschaften und diejenigen, die das Fach bereits unterrichten. Zudem zeigt ein Blick in die Kernlehrpläne des Schulfachs Wirtschaft/Politik eine Vielzahl sozialwissenschaftlicher Lehrinhalte. Das Inhaltsfeld „Nachhaltige Entwicklung in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft“ z.B. lässt sich nur sinnvoll bearbeiten, wenn Ansätze aus Politikwissenschaft, Wirtschaftswissenschaft und Soziologie gleichermaßen einbezogen werden. Auch die anderen Inhaltsfelder erfordern ein interdisziplinäres Herangehen, das für die Sozialwissenschaften typisch ist und in den Lehramts-Studiengängen in dieser Form ausgebildet wird.

Dann stellt sich umso mehr die Frage, warum eine neue Fächerbezeichnung „Wirtschaft/Politik“ überhaupt nötig war. Das NRW-Bildungsministerium möchte die ökonomische Grundbildung verstärken, jedoch nicht zulasten anderer Fächer oder Lernbereiche – da war die Umbenennung wohl das Einfachste. Nun wirkt die Umbenennung jedoch weiter, als Anspruch des Schulministeriums an die Universitäten, ihre Lehramtsstudiengänge der Sozialwissenschaften entsprechend anzupassen.  

Dem Titel nach gibt es im neuen Schulfach „Wirtschaft/Politik“ keine Soziologie. Es steht zu befürchten, dass die Anpassung der Lehramtsstudiengänge die soziologischen Inhalte im Studium zurückdrängt. Das hätte u.U. weitreichende Konsequenzen für die Zahl der soziologischen Lehrstühle und das Forschungspotential der Universitäten. Die Fächerkombination aus Ökonomie, Politikwissenschaften und Soziologie in den Sozialwissenschaften bietet viele Vorteile. Durch das interdisziplinäre Arbeiten steigen die Erkenntnismöglichkeiten ebenso wie die Handlungsvorschläge und praktische Ansätze zur Lösung wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Probleme.

Eine Hierarchie zwischen den gesellschaftswissenschaftlichen Disziplinen, wie sie in der Fachbezeichnung „Wirtschaft/Politik“ durchschimmert, ist kontraproduktiv. Interdisziplinäres Arbeiten erfordert eine Gleichrangigkeit der Fachdisziplinen, damit deren Werkzeuge und Sichtweisen jeweils angemessen auf den Gegenstand zum Einsatz kommen. Für die Wissenschaft bedeutete es ein Rückschritt, wenn sie sich der Logik des neuen Schulfachs anschließen und der Ökonomie einen dauernden Vorrang einräumen würde. Und der Ausbildung von fähigen Lehrerinnen und Lehrern wäre es nicht dienlich, da die Lehrpläne weiterhin integratives und interdisziplinäres Vorgehen erfordern. Es sollte darauf verzichtet werden, die Fachdisziplinen in den Lehramtsstudiengängen anzupassen. Vielmehr sollte das neue Schulfach in NRW für sämtliche bestehenden Lehramtsstudiengänge der Sozialwissenschaften offen gehalten werden. Ohnehin ist es keine gute Zeit, um neue Schulfächer oder Studiengänge einzuführen.  Schulen und Universitäten halten den Lehrbetrieb in der Pandemie nur mit großem Kraftaufwand aufrecht. Die Aktionen auf change.org machen deutlich, dass die Beteiligung bei der Einführung des neuen Schulfachs unzureichend war. Für eine Änderung der Lehramtsstudiengänge braucht es mehr Austausch und Interessenausgleich der davon betroffenen Akteure*innen und deutlich mehr Zeit. Vom Plan, schon im Wintersemester 21/22 neue Studiengänge für das Schulfach einzuführen, sollte das NRW-Schulministerium daher unbedingt Abstand nehmen.

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