Praktische Soziologie in der Öffentlichkeit

Immer häufiger wird diagnostiziert, dass die deutschsprachige Soziologie nicht mehr auf dasselbe mediale Interesse stößt wie noch vor einigen Dekaden. Weder in der ZEIT noch in FAZ, Süddeutscher oder dem Spiegel finden noch große Diskussionen oder gar Kontroversen der soziologischen Profession statt. Der Streit um die richtige Gesellschaftsdiagnose oder Theorie scheint nicht mehr in der Öffentlichkeit, sondern vielmehr nur in den Gremien der universitären Soziologie stattzufinden, wenn überhaupt. Sicherlich, nach wie vor gibt es Streit. Etwa um die Frage wie „gute“ Sozialforschung aussieht, was man als „wissenschaftlich“ beschreiben darf und wie Forschungsmittel verteilt werden. Nur hat das öffentliche Interesse an diesen Streitigkeiten Potenzial nach oben, um es vorsichtig auszudrücken.  Und so nimmt es nicht Wunder, dass der aus dem Angelsächsischen kommende Begriff einer „öffentlichen Soziologie“ auch in Deutschland die Runde macht. Erst dieses Jahr ist bei einem renommierten Verlag ein Sammelband zum Thema „öffentliche Soziologie“ erschienen, der interessanter Weise vor allen Dingen die Klassiker der Soziologie die Antworten auf die Frage geben lässt, weshalb die Soziologie als Fach in die breite Öffentlichkeit gehört.  Aber warum findet das so wenig statt?

Gesellschaftliche Probleme gibt es genug: Klimawandel, Migrationsbewegungen als Resultat von Hunger und Kriegen, politischer Populismus und die Infragestellung demokratischer Institutionen durch die neuen sozialen Medien. Aber auch Veränderungen von Organisationen und der Arbeitswelt durch Digitalisierung und demografischen Wandel stellen große gesellschaftliche Probleme dar. Die Soziologie hat zum gesellschaftlichen Diskurs zu diesen und vielen anderen Themen sehr viel beizutragen. Aber ich befürchte, dass alleine Deskription und analytische Forschung in der Öffentlichkeit nicht ausreichen um als Fach wahr- und ernst genommen zu werden. Von einer wissenschaftlichen Disziplin wie der Soziologie erwartet man nicht nur eine noch bessere Beschreibung und ein noch tieferes Verständnis der Probleme, sondern auch ganz praktische Lösungen, zumindest Lösungsvorschläge. Das gibt es, sicherlich, aber damit tut sich die akademische, universitäre Soziologie nach wie vor schwer. Zu sehr ist praktische Soziologie noch als „Sozialtechnologie“ verschrien. In wissenschaftliche Zeitschriften kann man mit praktischen Fragen nicht punkten. Die werden allerdings auch jenseits einer sehr kleinen professionellen Öffentlichkeit kaum bis gar nicht wahrgenommen.

Aber es gibt sie, Soziologinnen und Soziologen, die nicht nur theoretisch über die Infragestellung demokratischer Institutionen reflektieren, sondern auch an Formen direkter Bürgerbeteiligung praktisch arbeiten. Es gibt sie, Soziologinnen und Soziologen, die neue soziale Medien im Internet nutzen um neue Diskussionsforen und eine neue Diskussionskultur zu etablieren. Andere arbeiten an sozialen Innovationen in Organisationen oder in Bezug auf bürgerschaftliches Engagement in vielen gesellschaftlichen Bereichen. Die Soziologie kann sehr praktisch sein! Diese praktische Soziologie wird vor allem von jenen Kolleginnen und Kollegen vertreten, die in den verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen beruflich als Soziologinnen und Soziologen tätig sind, meistens außerhalb der Universitäten.

Der Berufsverband Deutscher Soziologinnen und Soziologen hat sich zur Aufgabe gemacht, diese Praktikerinnen und Praktiker zu vernetzen, sie zu unterstützen wo es nur immer geht, und ihnen bei einer Arbeit zur Seite zu stehen, die sehr häufig unter Fachfremden stattfindet. Denen muss man in der Regel erst einmal deutlich machen, warum man zur Lösung des einen oder anderen Problems einen soziologischen Zugang braucht. Selbstverständlich ist hier nämlich gar nichts. Damit der Diskurs über eine öffentliche Soziologie nicht im Sande der soziologischen Selbstthematisierung verläuft brauchen wir eine verstärkte Öffentlichkeit der praktischen Soziologie.

Was werden mit Soziologie? https://www.youtube.com/watch?v=3w3uhwxIzGM

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