Jens Jetzkowitz

Als die Redaktion dieses Newsletters darüber nachdachte, wie sich an Jürgen Habermas erinnern ließe, war schnell klar: Ein weiterer Nachruf würde wenig hinzufügen. Werk und Wirkung sind vielfach gewürdigt worden. Trotzdem gibt es ein nachvollziehbares Interesse des Berufsverbandes, an ihn zu erinnern. Schließlich hat er seit den 1960er Jahren auf soziologische Diskurse Einfluss genommen und auch zum Bild unserer Wissenschaft in der Öffentlichkeit beigetragen. Darum möchte ich hier mit einer kleinen Notiz von einer kurzen Begegnung mit Jürgen Habermas berichten, die den Menschen vergegenwärtigt.
Meine Erinnerung führt zurück ins Jahr 2001. Habermas war nach Marburg, meinem damaligen Arbeitsort, eingeladen worden, um im Rahmen der Christian-Wolff-Vorlesung zu sprechen. Die Veranstaltung war außergewöhnlich gut besucht: Die Aula der Alten Universität war schnell gefüllt. Für das weitere Publikum wurde der Vortrag in die Universitätskirche und einen weiteren Hörsaal übertragen. Das lag nicht nur an der Prominenz des Vortragenden, sondern auch am Thema. Habermas sprach über die ethischen Grenzen gentechnischer Eingriffe in das menschliche Erbgut und griff damit in eine zum Ende der 1990er Jahre aufkommende Debatte ein. Damals hatten Peter Sloterdijks „Regeln für den Menschenpark“ Ängste vor einer Rückkehr eugenischen Denkens und entsprechender Praktiken geschürt.
Ich selbst arbeitete zu der Zeit bereits intensiv mit Biolog:innen zusammen, hatte mich bis dahin nur am Rande mit ethischen Fragen der Gentechnik beschäftigt. Mit einigen soziologischen Schriften von Habermas war ich vertraut, hatte sie aber nicht im Modus der Gefolgschaft studiert. Sein theoretischer Zugriff auf den Gegenstand der Soziologie erschien mir schon damals problematisch, weil er der Eigenlogik empirischer Forschung nicht entsprechen kann. Gleichwohl hatte ich mich mit Kolleg:innen verabredet, dem Vortrag in der Aula zu folgen.
Habermas‘ Auseinandersetzung mit der liberalen Eugenik fand ich dann äußerst anregend. Er zeigte Unterschiede zwischen einem therapeutischen Einsatz von Biotechnologie und dem Einsatz zur (vermeintlichen) Verbesserung der Nachkommen auf. Im zweiten Fall, so argumentierte er, werden die Möglichkeiten von Menschen eingeschränkt, sich als Urheber:innen ihres eigenen Lebens zu verstehen. Auf dem Heimweg diskutierte ich mit einem Kollegen noch lange darüber, inwieweit diese Argumentation eine Denkfigur des Naturrechts einführt, die die moderne Unterscheidung von Natur und Norm unterläuft.
Die eigentliche Begegnung, von der ich erzählen will, fand dann am folgenden Vormittag statt. Der Gastgeber der Christian-Wolff-Vorlesung, selbst Inhaber des Lehrstuhls für Systematische Philosophie, hatte Professor:innen des Fachbereich „Gesellschaftswissenschaften und Philosophie“ und deren – mindestens – promovierte Mitarbeiter:innen eingeladen, in einem kleineren Kreis mit Habermas zu diskutieren. An der Professur für Empirische Soziologie, an der ich damals beschäftigt war, lehnten wir den demonstrativen Verweis auf Status – wer eingeladen ist und wer nicht – deutlich ab. Er entsprach nicht unserem Verständnis, als Wissenschaftler:innen zu einer Diskursgemeinschaft zu gehören, in der Argumente zählen, nicht Rangpositionen. Ich war seit 1999 Dr. phil. und durfte teilnehmen. Weil ich Habermas‘ Vortrag anregend empfand, ging ich hin.
Ich war etwas früher vor dem Senatssitzungssaal, in dem die Diskussion stattfinden sollte. Einige Kolleg:innen hatten sich bereits im Flur davor versammelt, unter ihnen auch der Gastgeber – eine unübersehbare Erscheinung, die mit ausgeprägtem professoralem Habitus den Mittelpunkt der kleinen Gruppe bildete. Während ich „meinen“ Professor begrüßte, öffnete sich hinter mir die Tür. Ich registrierte eher beiläufig, dass Bewegung in die Gruppe kam und sich die Aufmerksamkeit neu ordnete.
Erst als jemand neben mir stehen blieb, drehte ich mich zur Seite. Habermas blickte mich an, streckte mir die Hand entgegen und sagte in seiner charakteristischen Tonlage schlicht: „Habermas.“ Ich gab ihm meine Hand und nannte meinen Namen, dann ging er zum nächsten. Im gleichen Moment sprangen der Gastgeber und andere Honoratioren hinzu, um ihn in Empfang zu nehmen und in den Sitzungssaal zu geleiten.
Für diese kleine Geste, mit der Begrüßung bei demjenigen zu beginnen, der zufällig am nächsten stand, anstatt, der Statusordnung folgend, zuerst auf den markant aus der Gruppe herausragenden Gastgeber zuzugehen, bin ich Jürgen Habermas bis heute dankbar. Seine kurze Abweichung vom Protokoll lässt sich natürlich verschieden interpretieren. Man kann sie als Zufall lesen oder als Ergebnis von Unaufmerksamkeit. Mir und einigen umstehenden erschien es plausibel, einen bewussten Verstoß gegen die offensichtliche Statushierarchie zu unterstellen. Ob dies tatsächlich Habermas‘ Motiv war, ob er spontan handelte oder in gewohnter Selbstinszenierung, ist unerheblich, um zu verstehen, wie diese Geste wirkte. Für einen Moment war die Statushierarchie suspendiert. In der Situation schien sich – wenn auch nur kurz – eine Bedingung zu verwirklichen, die für die soziale Organisation von Wissenschaft konstitutiv ist: Kommunikation unter gleichrangigen Beteiligten, die aus sachlichen Gründen zusammengekommen sind.
Mir ist dabei bewusst, dass Habermas bei anderen Gelegenheiten gewohnheitsmäßig die Mechanismen der Statushierarchie zu nutzen wusste, um seine Interessen durchzusetzen – etwa bei der Auswahl wissenschaftlichen Nachwuchses oder der Besetzung von Professuren. Ich vermag nicht zu beurteilen, wie er in solchen Zusammenhängen agierte – ob im Stile eines hegemonialen öffentlichen Intellektuellen oder eines Kaderpolitikers. In der konkreten Situation hatte ich sein Verhalten als eine Geste inklusiver Zugewandtheit erlebt, in der ein Mensch hinter seinen Theorien und Positionen aufscheint.
