Newsletter: Soziologie im Dialog

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„Richtig“ Kommunizieren, aber wie? Zum Brückenbau zwischen Theorie und Praxis am Beispiel „Verstehen“ (ein Text von Dr. Matthias Horwitz)

Unser Berufsverband versteht sich als ein Unternehmen zum Brückenbau zwischen Theorie und Praxis. Dahinter steht unter anderem die Annahme, dass Theorie ohne Praxis leer sei und Praxis ohne Theorie blind (Spruch unbekannter Herkunft). Nicht in Bezug auf alle Sachverhalte dürfte allerdings unmittelbar einleuchten, welchen Nutzen eine theoretisch aufgeklärte Praxis bietet. Gilt dies beispielsweise auch für die Beobachtung von Kommunikation mit Blick auf ein gelingendes / misslingendes Verstehen?

Um mich der Frage anzunähern, starte ich mit einem (beliebigen) Beispiel. Die Wirtschaftsweise Veronika Grimm streitet laut Tagesspiegel vom 17.05.2024 mit ihren Kolleginnen darüber, wie ein klimaneutraler Güterverkehr zu erreichen sei. Bezüglich der abweichenden Auffassung ihrer Mitstreiterinnen wird sie unter anderem mit den Worten zitiert: „Dafür hätte man bloß allen (Expert*innen die angehört wurden, MH) richtig zuhören müssen.“ Dass sich der Dissens so kaum wird beheben lassen, sagt uns unser Erfahrungswissen, aber warum nicht? Um das zu verstehen – so die hier vertretene These – braucht es ein theoretisches Vorverständnis. Dafür gehe ich vom Grundbegriff der Kommunikation aus, wie er in bestimmten soziologischen Feldern benutzt wird. Er soll auf wichtige Merkmale hin geklärt werden sowie daraufhin, was er leisten kann und was gerade nicht.

Zunächst ist festzuhalten, dass sich der Begriff der Kommunikation keineswegs als soziologischer Grundbegriff durchgesetzt hat, auch wenn schon von einem „communicative turn“ innerhalb „der“ Soziologie die Rede war (vgl. Schützeichel 2004:12). Schützeichel benennt die Theorie sozialer Systeme als eine der wenigen, die den Begriff in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen stellt. Anders als in soziologischen wird sich in psychologischen Kontexten mehr mit dem Problem des Verstehens und in der Folge der Verständigung befasst, man denke nur an Glasl, Gordon oder Rogers. So erklärt sich auch die Literaturauswahl im Folgenden.

Inwiefern also kann ein reflektierter Begriff von Kommunikation ein wichtiger Stein für den Bau einer Brücke zwischen Theorie und Praxis sein? Schon Watzlawick und andere hatten 1969 den Begriff als Mitteilung einer Information verstanden (53) und im Anschluss daran eine Sach- (die Information oder das Was der Kommunikation) und eine Beziehungsebene (die Mitteilung oder das Wie der Kommunikation) unterschieden. Die Theorie sozialer Systeme nimmt die beiden Merkmale Information und Mitteilung auf und ergänzt sie um zwei weitere, das Miss-Verstehen und die Annahme / Ablehnung der mitgeteilten Information (Luhmann 1995: 115ff.). Zu berücksichtigen ist schließlich, dass in Bezug auf Information, Mitteilung und Verstehen stets eine Wahl stattfindet, da immer auch anderes möglich wäre über deren Annahme/ Ablehnung (auch hier muss augenscheinlich gewählt werden) abschließend zu entscheiden ist.

Für die Mitteilung bedeutet dies beispielsweise, dass es sehr wohl einen Unterschied macht, welche Art der Mitteilung gewählt wird, um eine ebenfalls gewählte Information mitzuteilen. So kann an eine Kommunikation sehr unterschiedlich angeschlossen werden, je nachdem, wie ich zum Beispiel den Ärger über eine andere Person, die mich mit dem Nachäffen des von mir Gesagten nervt, mitteile: „Kannst du Hirni das mal lassen?“ Ober ob ich (Ich-Botschaften benutze und) mitteile: „Mich stört dein Verhalten, ist es möglich es zu unterlassen?“ Oder (im Anschluss an die gewaltfreie Kommunikation nach Rosenberg): „Dass du mich nachäffst (Beobachtung), nervt mich (Gefühl), ich möchte gerne unkommentiert Weitersprechen (Bedürfnis), kannst du es also bitte lassen (Bitte)?“

Wenn Frau Grimm sagt, man habe bloß „richtig zuhören“ müssen, könnte ihr entgegnet werden, dass nicht etwa ihre Kontrahent*innen, sondern Frau Grimm selber nicht richtig zugehört habe. Verstehen wäre auf diesem Wege eher unwahrscheinlich. Wenn Kommunikation also in Probleme führen kann – hier in einen sachlichen Dissens, ausgelöst aus der Sicht von Frau Grimm durch nicht richtiges Zuhören ihrer Kolleg*innen – ist die Frage, wie sich solche durch Kommunikation erzeugten Probleme bearbeiten lassen. Erscheint das überhaupt möglich angesichts der Ausgangslage, dass auf Kommunikation nur Kommunikation / Nichtkommunikation folgen kann und es sich auch bei letzterer – so ein Axiom von Watzlawick u.a. (1969: 50ff.) – um Kommunikation handelt? Wie kann auf so entstehende Ketten von Kommunikation Einfluss genommen werden?

Die Antwort auf diese Frage lautet insofern wenig überraschend: Nur durch Kommunikation, allerdings durch Kommunikation über Kommunikation, also nur durch Metakommunikation (vgl. Watzlawick u.a. 1969: 41ff.). Die Einsicht besteht darin, dass Probleme, die im Rahmen von Kommunikationsketten, also Kommunikationsprozessen, auftreten, wenn überhaupt nur im Rahmen von Kommunikationsprozessen, durch das Kommunizieren über vorherige oder zukünftige Kommunikation gelöst werden können.

Watzlawick hat zudem darauf hingewiesen, dass auch der Einbezug von Sprache als Medium von Kommunikation an diesem Dilemma nichts ändert. Für eine Sammlung von Vorträgen (1988) ist eine Episode aus dem Baron von Münchhausen titelgebend: Der Baron versinkt auf einem Ritt im Morast und hätte unfehlbar umkommen müssen, wenn er sich nicht mittels der Stärke seines Armes am eigenen Haarzopf samt Pferd – fest zwischen seine Knie geklemmt – wieder hätte herausziehen können: Münchhausens Zopf.

Ein ähnliches Kunststück vollbringt laut Watzlawick Metakommunikation aber gerade nicht, weil das Sprechen über ihren Gegenstand – etwa im Hinblick auf das uns interessierende Problem des Verstehens – wie auch der Kommunikation selber nur im Medium Sprache erfolgen kann. Metakommunikation kann nicht auf ein umfassenderes sprachliches Ausdruckssystem außerhalb ihrer selbst zurückgreifen, sondern bleibt auf die Bordmittel verwiesen, die geradewegs in den Sumpf geführt haben (vgl. Watzlawick 1988: 143).

Gegen die aufgezeigte Beschränkung lässt sich nur ‚einwenden‘, es bleibe angesichts der Tatsache, dass kein umfassenderes Ausdruckssystem zur Verfügung steht, gar nichts anderes übrig, als zumindest den Versuch zu unternehmen, sich am eigenen Zopf aus dem Sumpf zu ziehen, da sonst darin stecken geblieben wird, da für die Bearbeitung von Kommunikationsproblemen nur das Instrument zur Verfügung steht, das geradewegs in den Sumpf geführt hat: Kommunikation.

Angesichts dieser Ausgangslage – eine Kommunikation ist immer auch anders möglich und Kommunikation über Kommunikation ist als Metakommunikation möglich – stellt sich die Frage welche Mittel / Möglichkeiten im Rahmen von Metakommunikation genutzt werden können / zur Verfügung stehen, um innerhalb von Kommunikation entstandene Probleme zu bearbeiten. Dazu lässt sich eine Vielzahl von Modellen mit jeweils unterschiedlich ansetzenden Versuchen der Einflussnahme auf Kommunikation unterscheiden.

Um das oben aufgeworfene Problem des „richtigen Zuhörens“ zu bearbeiten, lohnt ein Rückgriff auf ein Modell, das Schulz von Tun (1981) entwickelt hat. Ganz im Sinne des oben eingeführten Kommunikationsbegriffs geht er davon aus, dass in Bezug auf die Mitteilung einer Information nicht nur der Inhalt ausgewählt werden muss, sondern auch die Art der Mitteilung, bevor dann darüber entschieden wird, wie dies verstanden oder missverstanden werden kann.

Schulz von Thun führt hierfür vier Aspekte des Gesagten und vier Aspekte des Gehörten (Sachinformation, Selbstkundgabe, Beziehungshinweis und Appell) ein. Wird so unterschieden, ergibt sich ein Rahmen, innerhalb dessen sich Probleme des Miss-Verstehens verarbeiten lassen. Trifft etwa der Apellschnabel auf das Beziehungsohr besteht schon die Möglichkeit, dass die Kommunikation aus dem Ruder läuft (Er: „Du, die Ampel ist grün!“ Sie: „Fährst du oder fahre ich?“)

Mit diesem Instrument im Gepäck lassen sich gegebenenfalls Missverständnisse aufklären. Mittels Metakommunikation kann etwa beteuert werden, dass man die mitgeteilte Information nicht auf der Beziehungsebene verstanden wissen möchte, sondern auf der Sachebene. Ob einem das geglaubt wird, darüber entscheidet dann der Fortgang der Kommunikation. Wichtig bleibt, dass der Einsatz des Modells Schulz von Thuns im Rahmen von Metakommunikation angesichts eines selektiv bebauten Kommunikationsbegriffs keine Lösung im Sinne einer Feststellung „richtigen Verstehens“ (im Beispiel „richtigen Zuhörens“) sein kann. Möglich in der hier eingenommenen Perspektive erscheint nur eine Verständigung über ein für die weitere Kommunikation zugrunde zu legendes Verstehen. Ob das hält, kann wiederum nur der Fortgang der Kommunikation zeigen.

Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass Einflussnahme auf den Kommunikationsprozess mittels des Modells Schulz von Thuns zur Lösung von Verstehensproblemen über Metakommunikation möglich ist. Nur wenn darüber kommuniziert wird, wie verstanden wurde, lassen sich Missverständnisse ausräumen, allerdings mit der Einschränkung, dass aufgrund des selektiven Kommunikationsbegriffes erneute Missverständnisse nicht ausgeschlossen werden können.

Erst aus theoretischer Perspektive lässt sich sehen, dass im Zusammenhang mit dem Verstehen einer mitgeteilten Information Probleme auftauchen können, die nur über den Einsatz von Metakommunikation zu lösen sind. Oder auch nicht, wobei uns dann vielleicht eine (metakommunikative) Beobachtung des Kommunikationsverlaufs weiterhilft. Erst ein reflektierter Begriff von Kommunikation führt – so mein Ergebnis dieser kurzen Betrachtung – zu einem Verständnis von Verläufen und daran anschließenden Interventionen in Form von Metakommunikation. Ein Reflexionsaufwand, der im normalen Fortgang von Kommunikation aus vielerlei Gründen (zum Beispiel Zeitdruck) meist nicht erfolgt/ nicht erfolgen kann: Das Eis des Verstehens dürfte sich bei Belastung als dünn erweisen und insofern verbietet sich ein allzu großes Vertrauen in dessen Tragfähigkeit.

Im Falle Frau Grimms wird Verstehen so lange blockiert sein, wie sie darauf beharrt, dass man „richtig“ oder „falsch“ zuhören könne. Da sie das vermutlich auch weiß, ist die Annahme plausibel, dass es ihr eher um Deutungshoheit als um „richtiges Zuhören“ geht. Dazu dann ein anderes Mal mehr.

Dieses kleine Beispiel gehört in einen größeren Arbeitszusammenhang, in dem es darum geht, Modelle, die für Interventionen in Kommunikationsprozesse entwickelt worden sind, auf deren Chancen und Grenzen im Rahmen eines metakommunikativen Einsatzes hin zu beobachten. Der Vater von Effi Briest würde sagen, dass es sich hierbei um ein weites Feld handelt. Von Interesse sind Interventionsversuche, die zu einer Verbesserung von Verstehen und Verständigung innerhalb von Kommunikation beitragen wollen. Gedacht ist neben den oben bereits genannten Autor*innen an Rosenberg, Birkenbihl, Cohen, Thompson und andere mehr. Gedacht ist aber auch an Prozessinterventionen, wie etwa Qualitäts-, Prozess- und Projektmanagement und auch Mediation, No-BlameAppraoch oder das Harvard-Modell.

Geplant ist eine Publikation, in der nach einer theoretischen Einführung einzelne Modelle vorgestellt und jeweils auf ein Beispiel / einen Sachverhalt angewendet werden, um so ihre Leistungsfähigkeit zu überprüfen. Wenn Sie sich an dem Projekt beteiligen oder Ihnen die mitgeteilten Informationen nicht reichen, stehe ich Ihnen gerne für weitere Auskünfte zur Verfügung.

Matthias Horwitz (matthias.horwitz@bds-soz.de)

Literatur:

Beavin, J.H., Jackson, D.D., Watzlawick, P. (1969), Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien, Bern: Hans Huber.

Luhmann, N. (1995), Soziologische Aufklärung 6. Die Soziologie und der Mensch, Opladen: Westdeutscher Verlag.

Schulz von Thun, F. (1981), Miteinander reden 1. Störungen und Klärungen. Allgemeine Psychologie der Kommunikation, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.

Schützeichel, R. (2004), Soziologische Kommunikationstheorien, Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft.

Watzlawick, P. (1988), Münchhausens Zopf oder: Psychotherapie und „Wirklichkeit“, Bern: Hans Huber.

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