„Kennen Sie den schon?“ (ein Text von Andreas Techen)

Ein Soziologe, ein Physiker und ein Mathematiker fahren im Zug.

Sie schauen aus dem Fenster und sehen ein schwarzes Schaf.

Soziologe: „Hier gibt es schwarze Schafe.“

Physiker: „Falsch. Hier gibt es mindestens ein schwarzes Schaf.“

Mathematiker: „Immer noch falsch. Hier gibt es mindestens ein Schaf, das auf mindestens einer Seite schwarz ist.“

Der Schafswitz erzählt in wenigen Zeilen eine erstaunlich dichte Geschichte über das Selbstbild der Soziologie, ihre Stellung im Wissenschaftsfeld und die methodologischen Frontlinien, an denen sie sich immer wieder verortet. Dass der Soziologe darin meist derjenige ist, der „zu viel“ verallgemeinert, „zu wenig“ präzisiert oder – wie wir in einer Variante ganz am Ende dieses Textes sehen werden – durch raffinierte Begriffsarbeit alles verkompliziert, ist kein Zufall, sondern verdichtet ein älteres Bild der Disziplin.

In der deutschsprachigen Variante dieses Witzes sitzen meist ein Soziologe, ein Physiker und ein Mathematiker (interessanterweise wird in Witzen nicht gegendert – aber das ist ein anderes Thema) im Zug, sehen ein oder zwei schwarze Schafe und schließen nacheinander: „Hier gibt es schwarze Schafe“ (Soziologe), „Hier gibt es mindestens ein (oder zwei) schwarze Schafe“ (Physiker) und schließlich: „Hier gibt es mindestens ein Schaf, das von mindestens einer Seite schwarz ist“ (Mathematiker). In anderen Versionen sind es statt des Soziologen ein Ingenieur oder generell „Wissenschaftler“, das Setting ist fast immer eine Zugfahrt durch Schottland, und im englischsprachigen Raum schließt häufig der Mathematiker mit der bekannten Formulierung, man könne nur sagen, dass es „mindestens ein Schaf mit mindestens einer schwarzen Seite in Schottland“ gebe. Die Pointe lebt jeweils davon, dass jede Figur eine eigene Vorstellung von legitimer Verallgemeinerung und von dem hat, was als gesichertes Wissen gilt.

Der Soziologe erscheint im Witz als jemand, der vorschnell vom Einzelfall auf „die Gesellschaft“ schließt, also mit einer Mischung aus Alltagsbeobachtung, Intuition und großer Geste ganze Gruppen beschreibt. Dieses Bild knüpft an die verbreitete Vorstellung an, Soziologie sei „nur“ elaboriertes Alltagswissen über das soziale Leben, das jede halbwegs kommunikationsfähige Person ohnehin besitzt, und deshalb weniger streng ist als die Naturwissenschaften. Hinzu kommt das Klischee, Soziologinnen und Soziologen seien vor allem gute Erzählerinnen und Erzähler von Geschichten – von Milieus, Lebensstilen, Ungleichheiten –, aber in quantitativer oder formaler Hinsicht eher großzügig.

Historisch speist sich dieses Bild aus mehreren Quellen: der Abgrenzung der Soziologie von der klassischen Physik als Leitdisziplin, der langen Dominanz naturwissenschaftlicher Wissenschaftsideale und der Selbstbeschreibung der Soziologie als „Verstehenswissenschaft“. Nach der positivistischen Wende im 19. Jahrhundert setzten viele Disziplinen auf Messbarkeit, Vorhersage und universelle Gesetze, während die interpretativen und historischen Traditionen der Soziologie auf Bedeutung, Kontext und Sinngebrauch insistierten. In der öffentlichen Wahrnehmung verdichtete sich das zu der Vorstellung: Physiker messen, Mathematiker beweisen, Soziologen erzählen – und wenn sie verallgemeinern, dann in der riskanten Nähe zum Vorurteil (Vgl. Poferl/Keller 2018).

Im Kern ist der Witz eine kleine Lektion zu drei Themen der Methodendiskussion: Geltungsbereich von Aussagen, Umgang mit Einzelfällen und Reflexivität. Die physikalische Position im Witz steht für kontrollierte, formal saubere Verallgemeinerung („mindestens ein schwarzes Schaf“), während die mathematische Variante eine radikale Vorsicht gegenüber empirischer Unsicherheit verkörpert („von mindestens einer Seite schwarz“). Die soziologische Figur markiert dagegen den Punkt, an dem aus einer Beobachtung eine Kollektivaussage wird, ohne dass Stichprobe, Auswahlverfahren oder Kontext explizit gemacht werden – genau dort also, wo in der Methodenliteratur Fragen nach Sampling, Repräsentativität und der Reichweite von Typenbildungen einsetzen.

In der qualitativen Methodendiskussion wird diese Spannung etwa als Frage diskutiert, wie aus Einzelfallstudien theoretisch gesättigte, aber dennoch fallbezogene Verallgemeinerungen entstehen können, ohne ins bloß Anekdotische zu kippen. Die quantitative Methodik thematisiert dasselbe Problem mit anderen Mitteln: Stichprobenziehung, Inferenz, Konfidenzintervalle – all das sind institutionalisierte Antworten auf den „schwarzes Schaf“-Moment, in dem man versucht, aus begrenzten Beobachtungen Aussagen über eine Grundgesamtheit zu machen (Vgl. Zwengel 2025).

Im Alltag – ob in Lehre, Medienauftritten oder Gesprächen im Freundeskreis – können Soziologinnen und Soziologen dem impliziten Vorwurf des Witzes auf mindestens vier Wegen begegnen (Vgl. Ehrenberg/Alpium 2023):

Erstens, indem sie den Geltungsbereich ihrer Aussagen explizit markieren: „In dieser Studie, mit dieser Gruppe, zu diesem Zeitpunkt sehen wir …“ statt „Die Deutschen sind …“ Zweitens, indem sie methodische Entscheidungen offenlegen und nicht nur Ergebnisse präsentieren – etwa kurz erklären, auf welche Daten sich eine Aussage stützt und was sie bewusst nicht abdeckt. Drittens, durch systematische Selbstreflexion: eigene Kategorien und Vorannahmen zum Thema machen und deutlich machen, dass auch die wissenschaftliche Beobachterposition sozial situiert ist.

Und viertens: Ein charmantes, niedrigschwelliges Instrument ist der Witz selbst: Wer ihn mit einem Augenzwinkern erzählt und anschließend kurz erklärt, warum man aus einem Schaf eben keine Population machen kann, betreibt nebenbei Methodenvermittlung. Humor wird so zu einem Medium wissenschaftlicher Aufklärung, ohne dass gleich ein Methodenhandbuch hochgehalten werden muss.

Zum Abschluss daher die versprochene positive Variante, in der der Soziologe sich den strengen Kolleginnen und Kollegen aus Physik und Ingenieurwesen methodisch selbstbewusst an die Seite stellt und dabei noch ein ganz anderes Vorurteil gegenüber Soziologinnen und Soziologen bedient:

Ein Soziologe, ein Ingenieur und ein Physiker machen Urlaub in Schottland.

Plötzlich sehen sie auf einer Wiese ein schwarzes Schaf.

Der Ingenieur sagt: „Aha! Die schottischen Schafe sind also schwarz.“

Der Physiker korrigiert: „Nein, nein. Manche schottische Schafe sind schwarz.“

Der Soziologe schüttelt den Kopf und sagt: „Falsch. In Schottland gibt es mindestens eine soziale Gruppe, die aus mindestens einem Schaf besteht und von der mindestens eine Seite schwarz ist.“

Literatur

Ehrenberg, K. und Alpuim, M. (2023). „Schluss mit Schubladendenken: Klischees dekonstruieren und vorurteilsfreier berichten„. bonn institute, https://www.bonn-institute.org/news/psychologie-im-journalismus-9#struktur-und-selbstwertgef-hl-warum-wir-kategorisieren-und-mit-welchen-folgen-116886

Poferl, A. und Keller, R. (2018). „Form und Feld. Soziologische Wissenskulturen zwischen diskursiver Strukturierung und erkenntnisorientiertem Handeln“. In: Keller, R., Poferl, A. (Hrsg.), Wissenskulturen der Soziologie. BeltzJuventa.

Zwengel, A. (2025). „Mikrosoziologie, interpretatives Paradigma und qualitative Sozialforschung. Eine soziologische Einführung“, BeltzJuventa.

Dieser Text entstand unter Nutzung der KI-Assistentin Perplexity (powered by einem Multi-Model-System mit Grok 4.1 und GPT-Modellen): KI diente dabei insbesondere als Hilfswerkzeug bei der Literaturrecherche zu den Varianten des Schafswitzes und zur soziologischen Methodendiskussion sowie als Unterstützung für die Textformuierung. Alle Inhalte wurden von mir überprüft, qualitätssichernd angepasst und verantwortet. Die endgültige Gestalt des Beitrages und die wissenschaftliche Qualität liegt in meiner eigenständigen Verantwortung als Autor.

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