Eine befreundete Soziologin, die in einer Einrichtung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland (Nordkirche) arbeitet, antwortete auf meine Frage, ob die Kirchen angesichts zunehmender Austritte überhaupt noch Bedarf für kirchliche Unterstützung bei der Lösung gesellschaftlicher Problemlagen sehen, recht entspannt aber sehr ernsthaft: „Bei Windstärke 9 endet der Atheismus“. Wie bekannt, umfasst die Beaufortskala Windstärkeausprägungen zwischen 0 bis 12. Ab Windstärke 9 spricht man vom Sturm.
Also: In stürmischen Zeiten sei kirchlicher Beistand besonders gefragt, was empirisch allerdings zu überprüfen wäre. Diese in Kirchenkreisen populäre Redewendung kann in stark abgewandelter Form auch für die Soziologie gelten, wenn auch „die Soziologie“ natürlich nicht den gleichen institutionellen Rahmen wie die Kirche aufweist, noch funktional als Religion zu sehen ist. Die Soziologie, ob nun als Wissenschaft oder als berufsbezogenes Arbeitsfeld, kann in stürmischen gesellschaftlichen Lagen gleichwohl eine stärkere „Nachfrage“ erwarten (von „erhoffen“ wollen wir hier nicht sprechen).
„Stürmische Zeiten“ beziehungsweise deren Auslöser auf der Makroebene werden von Einzelakteuren wie auch von kollektiven Akteuren auf der Mikroebene als krisenhafte Situationen wahrgenommen und eingeschätzt. Schließlich wird erwartet, dass Menschen, die aus der Soziologie kommen, die krisenhafte Situation zumindest deuten, erklären und bestenfalls sogar Vorschläge zur Behebung und Lösung der Problemlagen unterbreiten. Das zeigt sich derzeit exemplarisch rund um die sozialwissenschaftliche Diskussion der Klimakrise.
Insofern wird die Wissenschaft Soziologie aktuell einmal mehr als Krisenwissenschaft verstanden und wahrgenommen, was im Großen und Ganzen auch für die Politikwissenschaft gelten dürfte (wie hieß es in den Medien doch so treffend: „Carlo Masala ist der neue Drosten“). Zu beobachten ist dabei ein gewisser „Konjunkturzyklus“ hinsichtlich der gesellschaftlichen Nachfrage soziologischer Erklärungserzählungen.
Läuft der Laden, dann werden allerdings andere Wissenschaften bemüht, wie unter anderem Ökonomie, Neurowissenschaften, Medizin, Informatik und Psychologie – die Grenzen zwischen den Wissenschaften (siehe Verhaltensökonomie) sind diesbezüglich gleichwohl unscharf. Wurden die Zeiten unübersichtlicher und verworrener, waren zwar auch Soziologen gefragt. Smarte Philosophen, Historiker und andere Kulturwissenschaftler hatten aber oft die Nase vorn und zeigten in den Medien stärkere Präsenz.
Das, so mein Eindruck, hat sich seit der Corona-Krise geändert. Die (akademische) Soziologie wird wieder verstärkt als Krisenwissenschaft wahrgenommen, was (wieder) auch in der eigenen Scientific Community diskutiert wird, siehe exemplarisch: Nicole Holzhauser, Stephan Moebius und Andrea Ploder (Hrsg.), Soziologie und Krise: Gesellschaftliche Spannungen als Motor der Geschichte der Soziologie. Wiesbaden: 2023, oder Johannes Kiess, Jenny Preunkert, Martin Seeliger und Joris Steg (Hrsg.), Krisen und Soziologie. Weinheim Basel: 2023. Beispielhaft auch der Band (aus einer gewissen praktischen „Anwenderperspektive“ verfasst) von Hans-Jürgen Urban und Stephan Hebel, Krise.Macht.Arbeit. Über Krisen des Kapitalismus und Pfade in eine nachhaltige Gesellschaft. Frankfurt am Main: 2023.
Nicht zuletzt ist auf unsere XXII. Tagung für Angewandte Sozialwissenschaften beziehungsweise den vor kurzem veröffentlichten Sammelband zur Tagung hinzuweisen: „Sozialwissenschaftliche Beobachtungen von Krisen – Perspektiven, Instrumente und Erfahrungen“, herausgegeben von den Kolleg:innen Linda Dürkop-Henseling, Matthias Horwitz und Katrin Späte. Wiesbaden: 2025.
Wird die Soziologie in Krisenzeiten herangezogen, wird das in der Öffentlichkeit vornehmlich in der wissenschaftlichen Zeitdiagnose deutlich, eine gesellschaftliche Rolle, die geradezu konstituierend für die Soziologie als Wissenschaft war und ist. Als langjährige Hauptakteure im deutschsprachigen Raum können etwa Hartmut Rosa, Andreas Reckwitz, Jens Beckert und Steffen Mau (warum nur Männer?) genannt werden, die durch umfangreiche Publikationstätigkeiten eine gewisse Resonanz (zumindest am Buchmarkt) auslösen. Auf mehr oder weniger breiter empirischer Basis werden unterschiedliche aktuelle Krisenmomente verhandelt, was auch wissenschaftsseits durchaus honorieret wurde. Alle vier genannten haben in den vergangenen sieben Jahren den DFG-Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis erhalten, die höchste wissenschaftliche Auszeichnung in Deutschland.
Bezüglich der Besprechung des letzten Reckwitz-Buches „Verlust – Ein Grundproblem der Moderne“ (Berlin: 2024) in der ZEIT Nr.45/2024 sprach Alexander Cammann im Intro der Buchkritik von der „nüchternen alten Tante Soziologie“, die nun in Zeiten der Multikrisen gehört wird und Orientierung bieten kann. Wie wir wissen, gehören nüchterne alte Tanten und natürlich auch nüchterne alte Onkel auf Familienfeiern nicht zu den beliebtesten Familienangehörigen, gleichwohl hört man auf sie. Ihr Rat kann durchaus zählen und vor Dummheit schützen.
Wir können festhalten: Eine gewisse Konjunktur der (wissenschaftlichen) Soziologie in Krisenzeiten ist gegeben. Aber warum wird vornehmlich in Krisenzeiten medial vermittelt, dass es so etwas wie Soziologie existiert? Schließlich arbeiten alltäglich tausende Soziolog:innen mehr oder weniger anwendungsorientiert beruflich in sehr unterschiedlichen Bereichen in Wirtschaft, Verwaltung oder als Selbständige, ohne das immer gleich von krisenhaften Arbeitszusammenhängen zu sprechen wäre. Ganz im Gegenteil: Durch die Mitarbeit von Soziolog:innen zu vielen scheinbar unspektakulären Frage- und Problemstellungen dürften so mache Krisen verhindert werden.
Dazu zähle ich zum Beispiel auch mögliche Krisenphänomene auf der Mesoebene wie sie im Betrieb, im Unternehmen, in Verwaltungseinheiten oder in Planungsprozessen usw. zu finden sind, die durch angewandte Soziologie gemindert beziehungsweise gar nicht erst entstehen (siehe hierzu auch einige Beiträge im Sammelband „Sozialwissenschaftliche Beobachtungen von Krisen –Perspektiven, Instrumente und Erfahrungen“).
Ich denke, dass (erfolgreiche) angewandte Soziologie im Hintergrund krisenminimierend wirkt beziehungsweise wirken kann, ohne dass wir das als Soziolog*innen so immer wahrnehmen können (oder sollen?). Das heißt, dass beruflich vermittelte angewandte Soziologie als Daueraufgabe krisenhafte Problemlagen verhindern kann und soll. Insofern wäre es für die gesamte Gesellschaft von Relevanz, das soziologische Expertise schon zu „Normalzeiten“ gehört und – besser noch – auch zur Anwendung kommt und nicht erst, wenn eine Krise droht oder schon zu konstatieren ist.
Angewandte Soziologie bewegt sich dann immer zwischen Sozialtechnologie und Aufklärung, mal mehr, mal weniger. Angewandte Soziologie sollte dann wie die akademische Soziologie, die seit jeher Probleme mit der „Anwendung“ hat, auch keine „nüchterne alte Tante“, sondern eine moderne, gleichwohl etablierte, verlässliche Institution der Wissensinfrastruktur sein.
