Call for Papers zum Thema: Vielfältige (widersprüchliche) Transformationen in krisenhaften Zeiten

Die aktuelle globale und nationale gesellschaftliche Situation verdient Diagnosen wie
„tiefgreifende Umbrüche, die ein weiter so nicht mehr zulassen“ (Nicole Burzan),
„existenzielle Probleme bzw. Krisen“ (Thomas Scheffer und Robert Schmidt), oder
„Vielfachkrisen“ (Alex Demirovic und Andrea Maihofer). Das Verhältnis von Mensch
und Natur, von Mensch und Technik, aber auch von Gesellschaft und Wirtschaft
befindet sich im krisenhaften Umbruch. Dies sind Diagnosen zu Entwicklungen, die
sich nicht erst seit der Zuspitzung ökologischer Probleme, dem Ausbruch von Corona
oder dem Krieg in der Ukraine zeigen.
Karl Polanyi, der vor allem von Kolleg*innen der Wirtschaftssoziologie wiederentdeckt
wurde, hat 1944 von der „Großen Transformation“ gesprochen, um damit die
verschränkte Herausbildung von Marktwirtschaft und Nationalstaaten in Folge der
Industrialisierung zu kennzeichnen.
Dieser Begriff fand Eingang in die Terminologie des Wissenschaftlichen Beirats der
Bundesregierung für globale Umweltfragen (WBGU), der angesichts der globalen
gesellschaftlichen Folgen des anthropogen verursachten Klimawandels einen
„veränderten Gesellschaftsvertrag“ gefordert hat. Transformation als Konzept taucht
in den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Feldern auf. Es lässt sich zudem
beobachten, dass Transformationsprozesse unterschiedliche Treiber aufweisen. Wird
die digitale Transformation vor allem von der Wirtschaft vorangetrieben, so ist die
sozial-ökologische Transformation immer noch ein gesellschaftliches Thema.
Dass Transformation also in ganz unterschiedlicher Gestalt daherkommt, dass sie
unvorhersehbar oder unvorhergesehen geschieht, oder dass sie – zumindest von
Teilen der Gesellschaft – gewünscht wird, und vielleicht gerade nicht das Normale
konstituiert, sondern Anomalien, Dystopien und Utopien mit sich führt, sind unsere
Ausgangsüberlegungen für diesen Band.
Wir wünschen uns Beiträge, die Transformation zum Thema machen, in
konzeptioneller oder empirischer Absicht. Erwünscht sind auch kritische Reflexionen
aus der Praxis der Transformation. Dabei konstatieren wir, dass Transformationen in
sämtlichen gesellschaftlichen Feldern oder Teilsystemen auftauchen und geschehen
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können und dass sich Transformationsprozesse auch ins Gehege kommen können –
Beispiel Bekämpfung des Klimawandels und verstärkter Einsatz energieintensiver
digitaler Technologien. Auch die Narrative der Transformation sind in den Fokus zu
nehmen, in etwa: warum wird der Begriff genutzt, auf wen bezieht er sich? Es sollte
aber auch gefragt werden, welche sozialen, politischen, wirtschaftlichen Folgen
Transformationsprozesse haben. Sind Transformationen in einem gesellschaftlichen
Feld vereinbar mit denen in einem anderen und sind sie nationalstaatlich
beherrschbar? Wie verändern Forschungen zu Transformation die
Sozialwissenschaften und die soziale Praxis?
Wir freuen uns auf Ihr Abstract mit Angabe des geplanten Formats (3.000 – 4.000
Zeichen) bis 30. September 2022 an Prof’in Dr. Corinna Onnen (corinna.onnen@univechta.de)
Die ausgewählten Beiträge (max. 37 Tsd. Zeichen) sollen dann bis Ende April 2023
vorliegen. Es ist ein peer review-Verfahren vorgesehen. Die Publikation ist für Ende
2023 geplant.
Die Reihe Sozialwissenschaften und Berufspraxis wendet sich an Personen mit
sozialwissenschaftlichem Hintergrund, die ihre Erkenntnisse im beruflichen Alltag
nutzen bzw. selbst an der Genese sozialwissenschaftlicher Erkenntnisse beteiligt sind.
Darüber hinaus wendet sich die Reihe an Personen, die ihre sozialwissenschaftlichen
Kenntnisse an Hochschulen oder auch in einem nicht akademischen beruflichen
Umfeld erwerben, anwenden oder weitergeben. Veröffentlicht werden in den
Sammelbänden, die in der Regel einmal im Jahr erscheinen, sozialwissenschaftlich
reflektierte empirische und theoretische Beiträge aus unterschiedlichen
gesellschaftlichen Handlungsfeldern.

Schriftenreihe „Sozialwissenschaften und Berufspraxis“ bei Springer VS
Hrsg. BDS- Berufsverband Deutscher Soziologinnen und Soziologen
Kreis der Herausgeber*innen: Prof. Dr. Birgit Blättel-Mink, Goethe-Universität
Frankfurt am Main (Sprecherin); M.A. Torsten Noack, Stuttgart; Prof. Dr. Corinna
Onnen, Universität Vechta; Prof. Dr. Michael Opielka, ISÖ – Institut für Sozialökologie,
Siegburg; Dr. Katrin Späte, Universität Münster und BDS; apl. Prof. Dr. Rita SteinRedent, Universität Vecht

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