Sugar-Daddys und Sugar-Dating

Bloße Sex-Lust alter Männer oder mehr als Prostitution?
von Carsten Stark, Mehmet-Emin Sari und Ksenia Skuropatova
Soziologie heute Ausgabe April 2022

Reiche, alte und einsame Männer – das sind die charakteristischen Merkmale eines Sugar Daddys? Solche Assoziationen würden wohl den meisten bei diesem Begriff einfallen. Sind das nur Vorurteile oder doch Tatsachen? Überlegungen zu postmodernen Konzepten, in denen Konsum und Intimität zunehmend thematisiert werden, bilden den kontextuellen Rahmen der folgenden Ausführungen. Was macht Sugar Daddys und das Sugar-Dating aus? Welche Rollen, Gedankenmuster und Sinnstrukturen haben Sugar Daddys internalisiert? Die Analyse von sozio-psychologischen Faktoren mit Hilfe qualitativer Methoden bilden den Kern der Studie, deren Ergebnisse in diesem Artikel dargestellt werden.

Es gibt so gut wie keine wissenschaftlichen Untersuchungen zum sozialen Phänomen Sugar Daddy, sehr wohl jedoch eine Vielzahl von De finitionen. Sie gehen von der Extremposition der Einordnung des Sugar Datings als Prostitution bis hin zu einer anderen Extremposition der Qualifizierung als Beziehung oder sehen Sugar Dating als eine Mischform zwischen Prostitution und Beziehung an. (Scull, 2019).

In diesem Artikel werden Sinnstrukturen von Männern im Kontext ihrer Rolle als Sugar Daddys dargestellt. Narrative Interviews bildeten die Grundlage für diese Darstellung. Unsere Interviewpartner reagierten auf ca. 120 Anfragen, die wir an Nutzer eines deutschsprachigen themenspezifischen Forums (sugar-forum.de) versendet haben. Die Interviews wurden nach der Methode der objektiven Hermeneutik ausgewertet, um themenspezi fische latente Sinnstrukturen zu erkennen. Mögliche Idealtypen wurden auf einer abstrakten Ebene aus den Sinnstrukturen hergeleitet, um das Phänomen möglichst ganzheitlich zu erfassen und in einen theoretischen Rahmen setzen zu können. Wiederkehrende Strukturen, insbesondere aber die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Deutungsmuster in den Interviews, konnten auf diese Weise besser nachvollzogen werden.

Sugar Dating ist sicherlich eine Beziehung, bei der finanzielle Aspekte im Fokus stehen und die davon de finiert wird. Im Zentrum dieser sozialen Beziehung steht die Zuwendung eines Akteurs zu einem zweiten, deutlich älteren Akteur, welche vornehmlich monetär erfolgt. Beide Akteure können dabei unabhängig von dieser Beziehung noch an andere Menschen gebunden sein und bemühen sich in diesem Fall, das Sugar Dating geheim zu halten. Der monetäre Aspekt steht allerdings mit einer sexuellen Komponente in Verbindung, auch wenn dies nicht an einer zeitlich eindeutigen Kausalität festgemacht werden kann. Sugar Dating stellt sich anders dar als spontane, situative Prostitution: Die Beteiligten „verbringen Zeit“ miteinander, gehen ins Restaurant, Kino, Einkaufen…, dabei gehört zu der Vereinbarung, dass auch Sex stattfindet.

Sugar Dating ist also mit finanziellen, emotionalen und mit sexuellen Konditionen verbunden, die den Akteuren bewusst sind. Die Langfristigkeit und stellenweise emotionale Bindung stellt Sugar Dating insofern als Besonderheit dar, weil hier die Eindeutigkeit der Reziprozität von Sex gegen Bezahlung verschwindet und durch kontingente Situationseinschätzungen ergänzt wird. Das löst bei den Akteuren mitunter Ambivalenzen aus, die durch eigene Deutungsmuster bewältigt und legitimiert werden müssen. Daher stuft jeder Akteur die soziale Beziehung „Sugar Dating“ anders ein; die Deutungsmuster sind im Hinblick auf Motive, Wünsche und Vorstellungen des Wünschenswerten verschieden.

Die aufgestellten Dimensionen teilen Sugar Daddys in gebundene und nicht gebundene Typen ein, deren Denk- und Handlungsweisen jeweils von einer rationalisierenden bzw. emotionalisierenden Gedankenstruktur geprägt sind. Ergänzend dazu stehen die vier Idealtypen: Jeder von ihnen steht für verschiedene Deutungs- und Legitimationsmuster der Sugar Daddys und für ihren unterschiedlichen Umgang mit dieser Rolle.

Der narzisstische Romantiker ist Ich-bezogen, drückt sich gewählt aus und stilisiert sich als weltgewandter Mann und Charmeur. Dazu betont er immer wieder die Wichtigkeit der intellektuellen Komponente im Austausch mit der Sugar Babe („sonst [wenn u.a. der hohe Intellekt fehlt] könnte ich nicht in den Spiegel gucken“; „ich möchte jetzt nicht […] wie so ein Sozialdarwinist um die Ecke kommen, aber die war Kosmetikerin […] dann hab ich auch freundlich gesagt du, sorry, das passt nicht ja. Wahrscheinlich sehen 80-90% der Männer das anders“). Der narzisstische Romantiker sieht sich als „gut gehaltenen, attraktiven Kerl“, „ich denke [..] dann ist für die vielleicht auch ganz cool, mich zu treffen […], ich habe da tatsächlich auch was zu bieten… […] ich höre ja sehr oft, […], dass ich den jungen Typen […] was voraushabe“. Dabei kann der narzisstische Romantiker Gefühle für sein Sugar Babe entwickeln. Die Verwendung von häufig emotional stark gefärbten Adjektiven („spannend“, „prickelnd“, „hervorragend“, „hinreißend“) umschreibt die Beziehungen zu Sugar Babes auf besondere Weise („Schmetterlinge im Bauch“). Derartige Quali fizierungen würde man eigentlich bezogen auf eine Liebesbeziehung, die prinzipiell ohne finanziellen Ausgleich auskommen kann, erwarten. In den Interviews wurde aber deutlich, dass sich diese „romantische“ Qualifizierung eher auf die eigene denn auf die andere Person bezieht. Wenn man so will, scheint dabei eine gewisse Verliebtheit in sich selbst durch. Ein Interviewpartner bezeichnet das Leben als Sugar Daddy als einen „verrückten Schritt“, den er „gewagt hatte“. Durch die Sequenzanalyse wurde deutlich, dass neben einer emotionalisierend-romantischen Seite auch eine narzisstische Seite auftritt. Ein Interviewpartner betont mehrmals sein attraktives äußeres Erscheinungsbild und distanziert sich verbal vom Klischee der „alten, geilen Böcke“. Außerdem fühlt er sich ihnen überlegen, weil er die Intelligenz und persönliche Reife der Sugar Babes als mindestens genauso wichtig ein stuft wie ihre Attraktivität. Die Reziprozität bezieht sich hier also nicht nur auf den finanziellen Aspekt und Sex, sondern auch auf den „intellektuellen“ Austausch, den man vor allem von Seiten des Sugar Daddys anzubieten hat. Zumindest in der Selbstwahrnehmung.

Der hedonistische Realist positioniert sich von Anfang an als einen Experten, der Auskunft über das Phänomen des Sugar Datings gibt („grundsätzlich ist das so…“). In den Interviews zeigte sich eine rationalisierende, sachliche Seite. Der hedonistische Realist bezeichnet den Charakter seiner Beziehung zu den Sugar Babes als „sympathisch“ und „nett“, Adjektive, die relativ neutral sind und sich u.U. auch auf nicht sexuelle Beziehungen anwenden lassen. Der hedonistische Realist charakterisiert auch das Sugar Dating als solches mit neutralen Adjektiven, die Assoziationen mit juristischer Sprache erzeugen und bezeichnet die Interaktionen mit seinen Sugar Babes als „Sugar Dating Handling“ und als „Attraktivitätsausgleich“. Im Kontrast zum narzisstischen Romantiker hat er „niedrigere Ansprüche“ an die Sugar Babes („das hübsche Mädchen von Gegenüber ist die Anforderung, die ich habe“) und sieht sich realistischer („ich bin nicht hässlich, aber auch nicht der James Bond-Typ […] wie die große Masse“). Wichtiger hingegen sind für ihn die „Offenheit [des Sugar Babes] gegenüber Neuem, die Reiselust und die Moral, die einfach stimmen muss“. Er lässt Emotionen außen vor, rationalisiert in Bezug auf zwischenmenschliche Interaktionen („manche Menschen erfüllen einfach eine Funktion“). Dieser Typ ist unter der Subdimension „rationalisierend“ – nicht rational – eingeordnet, weil er trotz seiner äußerlich rationalen und sachlichen Ausdrucksweisen doch Ambivalenzen aufweist, die sich schon allein darin äußern, dass er sich äußerlich anpasst („man passt sich herrschenden moralischen Vorstellungen an, [auch wenn man] in Wirklichkeit ganz anders handelt“. Hedonistisch ist dies insofern, als Sugar Dating ein „schöner Zeitvertreib“ und eine „spannende Zeit“ ist, aber keinerlei Bezug zu antizipierten gesellschaftlichen Normen oder der Emotionalität des Gegenübers hat.

Der frustrierte Schürzenjäger sieht seine Beziehungen mit Frauen durchweg negativ. Er betont, dass tiefe emotionale Bindungen überflüssig sind und schätzt den Komfort, den ihm ein monetär de finierter Interaktionsrahmen mit einer Frau bietet. Das sexuelle Motiv kommt in dieser Rationalitätsstruktur häufig vor. Der frustrierte Schürzenjäger spricht vorwiegend über Sex und de finiert Sugar Datings vor allem über den sexuellen Kontakt. Legitimiert wird dies durch die Qualifizierung anderer, nicht finanziell basierter Beziehungsformen als „schwierig“ und „frustrierend“. „Erfolg bei Frauen“ ist eine finanzielle Angelegenheit. Dennoch ist dieses Legitimationsmuster hoch emotionalisiert, nur dass es sich vornehmlich auf negative Emotionen wie Frustration bezieht. Die Emotionalität richtet sich nicht auf das Sugar Dating selbst, sondern auf jedwede andere Form sexueller Beziehung. Ebenso wie beim narzisstischen Romantiker, bei dem die emotionale Seite von Sugar Dating nicht auf das Sugar Babe, sondern auf die eigene Person bezogen wird, bezieht sich auch die Emotionalität des frustrierten Schürzenjägers nicht auf das Sugar Babe, sondern auf eigene Erfahrungen. In beiden Deutungen von Gefühlen und Emotionalität kommt das Sugar Babe als Individuum nicht vor.

Der lüsterne Opportunist ist in der Regel gebunden und legt seinen Fokus nahezu ausschließlich auf die sexuelle Komponente des Sugar Datings . Dieser Typus stellt sich nicht selbstverliebt wie narzisstische Romantiker dar, auch wenn er durch gescheiterte Liebesbeziehungen oder Annäherungsversuche an Frauen negativ geprägt sein sollte, ist er aber auch kein frustrierter Schürzenjäger. Vielmehr rationalisiert er die soziale Beziehung vollkommen ökonomisch und entwickelt keine emotionale Bindung gegenüber den Sugar Babes . Er nutzt sein Geld und seine Macht zur Befriedigung seiner sexuellen Bedürfnisse. Im Vergleich zu seiner Antipode, dem narzisstischen Romantiker, unterhält er in der Regel mehrere Verhältnisse zu verschiedenen Sugar Babes. Anders als der narzisstische Romantiker geht er nicht davon aus, dass Sugar Dating einen besonderen Stellenwert für die Sugar Babes hat und bewertet diese daher ausschließlich nach ihrem Sexappeal und ihrer Attraktivität. Der „lüsterne Opportunist“ ist ein rationalisierender Gegenspieler zum „narzisstischen Romantiker“ und weist gleichzeitig Gemeinsamkeiten zum „hedonistischen Realisten“ auf, wobei sich die Abgrenzung größtenteils aus der Bindungsstruktur herleitet.

Welche Erkenntnisse lassen sich festhalten?

Die eigene psycho-emotionale Grundbeschaffenheit prägt die Legitimationsmuster der Sugar Daddys. Vermutlich kompensieren nichtebundene Sugar Daddys mit dem Sugar Dating ihre fehlenden tieferen emotionalen Beziehungen zu Frauen. Die Altersdifferenz gibt ihnen zusätzliche Sicherheit und ein Überlegenheitsgefühl, während die finanzielle Komponente das Interaktionsfeld im Vorhinein absteckt. So können sie ihr Bedürfnis nach menschlicher Nähe teils befriedigen, ohne eine Frau zu nah an sich heranlassen zu müssen. Die gebundenen Sugar Daddys kompensieren vielleicht fehlende emotionale und sexuelle Spannung im Alltag und kanalisieren dadurch starke emotionale und sexuelle Bedürfnisse. Wie auch immer: die augenfällige Übereinstimmung bei allen Typen liegt in der Selbstbezogenheit ihrer männlichen Sexualität und in der Wahrnehmung des weiblichen Gegenübers als in dieser Hinsicht zu bewertendes Objekt. In den einschlägigen Foren wird Sugar Dating oft in Bezug zur Moralität anderer Beziehungsformen gesetzt. So findet man dort das Argument, dass doch jede Beziehung durch finanzielle Unterschiede und damit Abhängigkeiten geprägt sei, Altersunterschiede immer weniger von Bedeutung seien und etwa in Freundschaft-Plus-Beziehungen auch eindeutig der Fokus auf Sex liege. Als moralisch ungerechtfertigt erscheint es in diesen Foren dann, von Sugar Dating als einer Form von Prostitution zu sprechen Das sehen wir anders. Vollkommen ausgeblendet bleibt in dieser Logik die rein strategische Orientierung des Sugar Datings an den sexuellen Bedürfnissen lediglich eines Interaktionspartners. Diese Bedürfnisse entziehen sich jedwedem herrschafts- und machtfreien Diskurs. Sugar Babes haben weder das Recht noch die Möglichkeit sich den Bedürfnissen der Sugar Daddys zu entziehen, ohne die Beziehung aufzulösen. Interessanterweise thematisiert das keiner unserer Interviewpartner. Wir haben in unserem Projekt nur Sugar Daddys interviewt. Interessant wäre nun auch die Deutungslogik von Sugar Babes zu erfassen. Ebenso wäre es anzustreben, die ganze Thematik dem hier dargestellten Geschlechtsbezug zu entziehen und auch auf einer theoretischen Ebene von der schrecklichen Terminologie der Akteure zu befreien.

Weiterführende Literatur
Scull, M. T. (2019). “It’s Its Own Thing”: A Typology of Interpersonal Sugar Relationship Scripts. Sociological Perspectives, 63(1), 135–158.
https://doi.org/10.1177/0731121419875115
Hoss, J.M., & Blokland, L.E. (2018). Sugar daddies and blessers: A contextual study of transactional sexual interactions among young girls and
older men. Journal of Community & Applied Social Psychology, 28(2), DOI: 10.1002/casp.2361

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