Freundschaft Plus

Eine neue Institution jenseits von „Partnerschaft“?

Carsten Stark, Ebru Erel, Francis Cedrick, Garilao, Annemarie Schirmer, Anita Schulz

(erschienen in der Soziologie Heute, Heft 2 2022)

Das „Plus“ in „Freundschaft Plus“
Freundschaft Plus beschreibt ein Beziehungsmodell, das auf Freundschaft und der Vertrautheit von regelmäßigem Geschlechtsverkehr basiert und von mindestens zwei Individuen miteinander ausgeübt wird. An dieser Stelle ist sie von einer Beziehung bzw. einer Affäre abzugrenzen.

Für die Akteure innerhalb von „Freundschaft Plus“-Beziehungen liegen die Vorteile darin, dass die positiven Aspekte der Freundschaft, wie z.B. der Spaß an gemeinsamen Unternehmungen und die Verbundenheit genutzt werden können, ohne dabei den Verpflichtungen einer Beziehung nachgehen zu müssen. In der Regel ist eine gewisse sexuelle Anziehung dafür Voraussetzung. Neben den Vorteilen gibt es aber auch Nachteile. Oftmals wird die emotionale Situation unterschätzt. Eine der beteiligten Personen verliebt sich und entwickelt ein einseitiges Verlangen nach einer langfristigen Beziehung. Dadurch werden die reziproken Verhaltenserwartungen durchbrochen und latente oder auch manifeste Konfliktlagen entstehen.

Wie „Freundschaft Plus“ gelebt wird, ist individuell sehr unterschiedlich. Je nach Milieu unterscheiden sich die typischen Symbole und Aktivitäten in diesem Beziehungsmodell. Während sich die einen zum „Netflix and Chill“ und Pizza-Essen verabreden, gehen andere schick essen und Wein trinken. Ausgangspunkt ist oft die Nutzung von Dating-Portalen, wie „Tinder“ oder „Lovoo“.

Forschungsfrage und Methode
Wer sind die Menschen, die sich innerhalb des Feldes bewegen, warum lassen sie sich auf eine Freundschaft Plus ein, führen sie fort oder beenden sie? Was kennzeichnet diese Menschen im Besonderen, welche Eigenschaften zeichnen sie aus? Auf dem ersten Blick ist es sehr offensichtlich, dass die Befriedigung sexueller Bedürfnisse und/oder das Herbeisehnen nach emotionaler Nähe eine Rolle spielen. Aber eben in einer anderen, als alternativ erlebten Version. Eine Alternative zu was eigentlich? Welcher Unterschied zu welcher anderen Beziehungsform wird hier eigentlich bezeichnet, und warum bedarf es überhaupt einer besonderen Qualifizierung als Freundschaft PLUS? Scheinbar ist die konkrete Interaktionssituation der Dyade auf eine genauere Bezeichnung des Beziehungsstatus angewiesen. Ist das nicht letztlich ein Ausdruck alter bürgerlicher Legitimationsmuster oder doch eher einer etwas verklemmten sexuellen Emanzipation? Soziologisch außerordentlich spannende Fragen.

Um die Forschungsfragen der qualitativen Arbeit zu beantworten, wurden persönliche Meinungen und Erfahrungen von Personen aus Foren, Video-Beiträgen oder Artikeln qualitativ ausgewertet. Um dabei Validitätsprobleme aufgrund von Sprachbarrieren zu vermeiden, wurden ausschließlich deutsche Textinterpretationen durchgeführt. Für die Auswertung wurde die objektive Hermeneutik angewandt.

Die interpretierten Texte bilden die Grundlage zur Bestimmung von zwei Dimensionen. Hier wurden unterschiedliche Erfahrungsräume voneinander differenziert. Dabei wird der Selbstwert einer Person (1. Dimension) und die Bewertung der anderen Person (2. Dimension) im Beziehungsmodell „Freundschaft Plus“ betrachtet, da dies den relevantesten Erkenntnisgewinn darstellt. Trotz der Unterschiede jedes interpretierten Textes stellen die auserwählten Dimensionen Gemeinsamkeiten dar.

Mithilfe der Kreuzungstabelle wurden aus den Dimensionen vier Idealtypen gebildet. Diese ermöglichen nun die Zuordnung einer jeden Person, die dem Beziehungsmodell „Freundschaft Plus“ nachgeht. Außerdem wird anhand des Sinn- oder Motivzusammenhangs jedem Typus ein Handeln zugeschrieben (vgl. Bohnsack 2021: 148). In diesem Kontext wurden Adjektive für die dargestellte Handlung gesammelt. Aus diesen entstammen auch die Namen der Typen.

Welches Tier steckt in Dir?
Suchender Hamster
Bei diesem Typus wird ein niedriger Selbstwert der eigenen Person mit der Geringschätzung der anderen Person in Beziehung gesetzt.
Personen, die diesem Idealtypus entsprechen, sind vorwiegend bestätigungssuchend und egozentrisch. Sie zeigen in hohem Maße eine emotionale Distanziertheit auf. Das Auftreten dieser Menschen kann einerseits schüchtern und zurückhaltend sein, doch gibt es andererseits auch Menschen, die diese Schüchternheit durch ihre Art der Selbstdarstellung kompensieren. Sie zeigen einen niedrigen Grad an Empathie auf. Sollte das Gegenüber zum Beispiel Gefühle zeigen, bleibt diese Person emotional unberührt. Dieser Typus versucht stetig eine engere Bindung zu der anderen Person zu verhindern, weil ihn das in seiner Erfahrungssammlung einschränkt. Der „Suchende Hamster“ hat wenig sexuelle Erfahrung und „hamstert“ im Beziehungsmodell „Freundschaft Plus“ sexuelle Erlebnisse.

Klammerndes Äffchen
„Klammernde Äffchen“ zeichnen der geringe Selbstwert und die hohe Wertschätzung gegenüber der anderen Person aus.
Charakteristisch für sie sind ihre liebesbedürftige und aufopferungsvolle Art. Sie schenken dem Gegenüber sehr viel Aufmerksamkeit und Fürsorge. Dementsprechend sind sie auch sehr demütig und anpassungsfähig. Aufgrund ihrer stark ausgeprägten Verlustangst möchten sie das Gegenüber kontrollieren. Sie wirken dadurch sehr einengend, weil der Wunsch, alles über den anderen zu wissen, sie sehr beherrscht. Ihre intensive Liebesbedürftigkeit lässt sie sehr naiv und leichtsinnig denken und handeln. In zwischenmenschlichen Angelegenheiten mit dem Beziehungspartner fühlen sie sich unsicher und reagieren sehr emotional. Der Fokus des klammernden Äffchens liegt auf der Verbundenheit zum Freundschaft Plus-Partner. Das stetige Verlangen nach Nähe und Bindung macht sie sehr abhängig von der anderen Person im „Beziehungsmodell Freundschaft Plus“.

Jagender Tiger
Typen mit einem hohem Selbstwert, welche die andere Person im Beziehungsmodell „Freundschaft Plus“ geringschätzen, werden als „Jagender Tiger“ bezeichnet.
Sie erweisen sich als besonders selbstbewusst und ihre selbstdarstellende Art kann schnell überheblich wirken. Das charismatische Auftreten des „Jagenden Tigers“ macht es ihnen leicht, das Gegenüber zu beeinflussen und evtl. sogar zu manipulieren. Sie verkörpern Dominanz und werden als einschüchternd wahrgenommen. Darüber hinaus sind ihre provozierenden und einnehmenden Eigenschaften ein konstitutiver Bestandteil ihres Wesens. Innerhalb des Beziehungsmodells stellt dieser Mensch seine Bedürfnisse in den Vordergrund und missachtet die Bedürfnisse der anderen Person. Ihm fällt es leicht, sexuelle Erfahrungen zu erleben und er wird damit gleichzeitig in seinem Selbstwert bestätigt. Wie ein Tiger nach seiner Beute jagt, jagt er nach sexueller Befriedigung.

Gebender Elefant
Für den Idealtypus „Gebender Elefant“ wurde ein hoher Selbstwert mit der Wertschätzung einer anderen Person kombiniert.
Individuen, die diesem Idealtypus entsprechen, zeichnen sich durch eine sehr bedachte, besonnene und sichere Art aus. Diese Sicherheit ist u.a. durch den hohen Selbstwert gegeben. Sie sind in der Lage, den aktuellen Stand innerhalb der „Freundschaft Plus“-Beziehung vernunftgeleitet zu reflektieren. Dabei sind sie ehrlich und offen zu ihrem „Freundschaft Plus“-Partner. Dies ist auf ihren hohen Empathiegrad zurückzuführen. Durch ihre ehrliche und offene Art wirken sie sehr authentisch. Dennoch sind sie fordernd, weil sie eine klare Erwartungshaltung an dieses Beziehungsmodell haben. Das Wohlbe finden ist in der Gegenwart der „Gebenden Elefanten“ sehr hoch, da sie wie Elefanten sowohl Acht auf sich wie auch auf ihre Mitmenschen geben. Dabei sind sie sanftmütig und gleichzeitig stark in ihrer Persönlichkeit.

Freundschaft Plus als stille sexuelle Revolution der jungen Generation?
Warum also lassen sich Menschen auf diese Beziehung ein, führen sie fort oder beenden sie? Aus unserer Untersuchung resultiert, dass zum einen die kennzeichnenden Persönlichkeitsmerkmale des Typenmodells von Bedeutung sind. Zum anderen kann die Vermutung bestätigt werden, dass es davon abhängig ist, ob die Befriedigung der sexuellen Bedürfnisse wie bei dem Idealtypus „Suchender Hamster“ und „Jagender Tiger“ im Vordergrund stehen oder die zwischenmenschliche Komponente wie bei dem „Klammernden Äffchen“ oder „Gebenden Elefanten“ wesentlicher ist. Des Weiteren lässt sich erkennen, dass die beliebten und im Internet kursierenden Regeln innerhalb einer „Freundschaft Plus“-Beziehung keinerlei Auswirkungen auf das Scheitern oder den Erfolg der Beziehung haben. Viel mehr hängt es von den Eigenschaften der Individuen ab, die „Freundschaft Plus“ praktizieren und damit vor allem von deren mehr oder weniger reziproken Erwartungen.

Für die junge Generation scheint diese Form der Beziehung als neumodern, frei und unverbindlich. Doch ist „Freundschaft Plus“ nicht einfach nur ein Ausdruck für etwas, das schon vor vielen Jahren gelebt wurde? Das aber aufgrund vieler Restriktionen der bürgerlichen Gesellschaft unterbunden wurde und jetzt aufgrund der hohen Anforderungen eben dieser Gesellschaft ein passendes Beziehungsmodell ist? Anstatt Sex auf dem Parkplatz oder in einer Ecke auf der Party wird es heimlich und still im heimischen Schlafzimmer ausgelebt.

Die moderne Gesellschaft verbindet hohe moralische Ansprüche an eine Liebesbeziehung und Partnerschaft mit hohen institutionellen Ansprüchen an die Individualisierung.
Schulabschluss, Ausbildung, Studium, Beruf, Karriere, Freundschaften und Familie – all dies unter „einen Hut“ zu bekommen und gleichzeitig auch individuelle Bedürfnisse nach Freundschaft und Sexualität zu befriedigen führt die Akteure sehr oft in die Rationalitätenfalle. „Freundschaft Plus“ ist aus diesem Blickwinkel betrachtet die rationale, vor allem aber funktionale Institution, um den Wunsch nach menschlicher und sexueller Nähe zu befriedigen.

Mit „Rationalitätenfalle“ bezeichnet man das Auseinanderfallen zwischen dem, was für das einzelne Individuum rational, vernünftig ist (individuelle Rationalität), und dem, was für die Gesamtheit der Individuen vernünftig ist (kollektive Rationalität).

Allein die Entscheidung für eine „Freundschaft Plus“-Beziehung ist Teil des Individualisierungsprozesses. Sie ermöglicht den Kontakt zu vielen verschieden Menschen und hält die Option offen, später zu entscheiden, mit wem man vielleicht eine echte „Beziehung“ oder „Partnerschaft“ aufbauen möchte. Diese Individualisierung setzt aber auch Institutionen wie „Partnerschaft“ und „Beziehung“ einer Kontingenz aus, als deren Ausdruck und Alternative die Institution von „Freundschaft Plus“ angesehen werden kann.
Dieser Institutionalisierungsprozess, angetrieben aus dem Widerspruch zwischen bürgerlichen Moralvorstellungen und individuellen Individualisierungsansprüchen ändert jedoch auch noch andere, dependente soziale Strukturen, wie z.B. das Frauenbild in sexueller Hinsicht oder auch das typische Rollenverständnis der Geschlechter insgesamt.

Anregungen für weitere Forschung
Rationalitätenfallen offenbaren Widersprüche, so auch in unseren empirischen Quellen. In vielen Fällen handeln die Menschen anders, als sie es in ihrer Aussage bewusst äußern. Oftmals wird beispielsweise eine abwertende Haltung gegenüber dem Thema erkennbar; es hat jedoch nicht zwingend die Konsequenz, dass sich nicht auf das Beziehungsmodell eingelassen wird.

Spannend ist die Frage, inwieweit es sich bei „Freundschaft Plus“ um eine, auf bestimmte Lebenssituationen angepasste, generationsspezifische Institutionalisierung handelt, also lediglich die jüngere Generation „betroffen“ ist. Oder ob hier jenseits des Lebensverlaufes liegende, grundsätzliche Kontingenzen aufgelöst werden und eine generationsübergreifende neue Institutionalisierung zu erwarten ist, die jenseits der bürgerlichen Vorstellung von Partnerschaft liegen. Wird das „Freundschaft Plus“-Verhältnis irgendwann beendet und die Freundschaft bleibt dennoch unverändert, scheitert dann die Freundschaft daran oder kann vielleicht auch eine Lebenspartnerschaft daraus entstehen?

Weiterführende Literatur
Beck, Ulrich / Beck-Gernsheim, Elisabeth (1990): Das ganz normale Chaos der Liebe. Suhrkamp: Frankfurt.
Müller-Jacquier, Bernd (1996): Überleitung zu freundschaftlichen Beziehungen, in: Psychologie Heute, Jg. 96, Nr. 11, S. 24 f.
Avertz Wera (2015): Match me if you can: Eine explorative Studie zur Beschreibung der Nutzung von Tinder, in: Journal of Business and Media Psychology, 6, Heft 1, 41-51, www.journal-bmp.de.
Linek, Leonie (2017): Zwischen höchstpersönlicher Liebesanerkennung
und zweckrationalem Kalkü l. Auf der Suche nach einer Soziologie der Freundschaft, Wiesbaden,
Deutschland: Springer.

Teile gerne diesen Beitrag:

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.