Die liberalistische Casino-Gesellschaft

von Gerhard A. Schwartz
Soziologie heute Ausgabe Oktober 2021

Die liberalistische Casinogesellschaft
ein Beispiel für die Wirkung einer emotional-ideologischen Struktur auf die Verhaltensverteilung innerhalb der Struktur

Gerhard A. Schwartz vergleicht in seiner soziologisch-strukturellen Betrachtung die Funktion der demokratisch-liberalistischen Medien- und Massengesellschaft mit einer Lottogesellschaft oder einem Casino.

Foto: pexels.com

Wer die Regeln/Strukturen bestimmt und die Veranstaltung organisiert, ist immer der Gewinner, wenn die Regeln intelligent sind und er sie selbst einhält. Der Lottospieler hofft auf den Millionengewinn. Die Lottogesellschaft bestimmt die Verteilung der Einnahmen, hat immer gewaltige Überschüsse und gewinnt immer. Die Existenz der Lottogesellschaft ist in keinem Moment gefährdet, solange der Verteiler richtig rechnet. Und das Perfide und Geniale an der Konstruktion: Es gewinnen tatsächlich jede Woche ein oder mehrere Spieler gewaltige Summen.

Der Effekt?
Die Illusion der Spieler wird durch die Millionengewinner noch größer und die Einnahmen der Lottogesellschaft steigen. Die praktisch zu vernachlässigenden Gewinnchancen der psychisch manipulierten Spieler auf die Millionengewinne bleiben bei 1:139.838.160 (Gewinnklasse 1).

Wie sieht es im Casino aus?
Der Roulette-Spieler setzt auf den kurzfristig möglichen Gewinn. Langfristig verliert er immer entsprechend der mathematischen Wahrscheinlichkeitsgesetze. Beim Casino ist es umgekehrt. Es kann kurzfristig große Summen verlieren, langfristig gewinnt es immer. Voraussetzung ist in diesem Fall, dass die Spielregeln (Maximum des Einsatzes) in einem mathematisch korrekten Verhältnis zum verfügbaren Risikokapital stehen. Und auch hier gilt: Jeder spektakuläre Millionengewinner ist ein Glücksfall für das Casino und wird publikumswirksam gefeiert.
Warum? Er vergrößert die Illusion des systematisch möglichen Gewinns. Der Umsatz steigt und damit zwangsläufig der Gewinn des Casinos.

Wie funktioniert die demokratisch-liberalistische Medien- und Massengesellschaft?
Nach dem gleichen Prinzip. Letzte Höhepunkte sind Fernsehshows, die mich über Nacht zum „Star“ avancieren oder Finanzroboter, die mich mit Algorithmen an der Börse, mathematisch abgesichert, zum Millionär machen. Die Regeln der Propaganda (Politik) und der Werbung (Wirtschaft) bestimmen die Verteilung des Verhaltens, des Fühlens und des Denkens der Masse/Mehrheit. Die Illusion besteht hier darin, dass jeder glaubt, er kann auf die Spielregeln strukturell Einfluss nehmen. Wieder das gleiche Prinzip. Jeder kann ein Buch schreiben, im Internet laut „Es reicht“ schreien, wählen, Demonstrationen organisieren, bei Demonstrationen mitlaufen, Petitionen einreichen, unterschreiben usw.

Die Illusion?
DU bist der nächste Jeff Bezos, Bill Gates, Mark Zuckerberg oder Warren Buffett, wenn Du Dich nur genug anstrengst! Die populäre, liberalistische Ideologie der Eigenverantwortung wird zu einem genialen Machtinstrument. Individuelle Aktivitäten und Erfolge ändern im Normalfall nichts an den Spielregeln/Strukturen, die das Ganze manipulieren.

In der Werbung sieht die antiwissenschaftliche und antirealistische so aus: „Ich rauche keine Marlboro. Siehst Du, gegen Werbung kann sich jeder wehren.“ Sicher eine wahrhaft dümmliche „Argumentation“, realistisch betrachtet, aber sie funktioniert gesellschaftlich-strukturell hervorragend. Sie stabilisiert und steigert die Profite der Tabak-Konzerne, so lange Werbung nicht antiliberalistisch verboten wird. Besonders gut funktioniert diese menschenverachtende Ideologie, weil sie von intellektuell überforderten Mittelmaß-Intellektuellen noch leidenschaftlich unterstützt wird und die seit langem gesundheitlich eindeutigen Risiken des Rauchens von „Merchants of Doubts“ 50 Jahre lang manipulativ konterkariert wurden, begleitet von milliardenschweren Profiten.

Im konsensdemokratischen System gilt das Gleiche.
Jede Aktion, die von der Illusion ausgeht, von unten, psychologisch – individuell, durch Nachahmung und gute Impulse die Spielregeln/Strukturen verändern zu können, stabilisiert das System. Perfide und genial zugleich. Die gut gemeinten Petitionen, Demonstrationen, Internet-Aktivitäten und Aufrufe zum Widerstand bewirken genau das Gegenteil. Sie beweisen scheinbar, wie frei dieses System ist und wenn es sich nicht ändert, hat man zu Wenige überzeugt und/oder zu schlecht argumentiert.
Dass Strukturen im Normalfall entscheidend sind für die Wirkung von Einzelaktivitäten kommt in der liberalistischen Freiheits- und Aufklärungsideologie nicht vor. Die „Freiheit“ der individuellen Aktion/Reaktion zementiert somit, realistisch betrachtet, die Manipulation der Masse/Mehrheit, um die es in der menschenverachtenden Ausbeutung durch Propaganda und Werbung geht.

Aussichtslos für immer und ewig? Selbstverständlich nicht.
Wenn eine Elite begreift, dass nur Macht und massenpsychologische Manipulation in einer medial determinierten, gesellschaftlichen Realität in der Lage sind, die Spielregeln/Strukturen zu ändern und diese Einsicht konsequent umsetzt, ist fast alles möglich. Auch die Verfassung kann mit 2/3 Mehrheit verändert werden. Solange allerdings das liberalistische Märchen vom mündigen, rationalen, selbst bestimmten Massen- und Mehrheitsmenschen und die Mähr der Argumentations-, Aufklärungs- und Massenbildungs-Phantasterei als gesellschaftlich-strukturelles Veränderungsinstrumentarium das System stabilisiert, geht’s bis zum Zusammenbruch lustig weiter. Der genetisch determinierte Wille einiger Menschen mit gewaltigem Erfolg in der liberalistischen Gesellschaft wird betrügerisch oder dumm verkauft als „freier Wille“, der es jedem Menschen möglich macht, Erfolg zu haben, unabhängig von den Strukturen, in denen er sich bewegt. Formal- totalitäre Systeme ermorden Rebellen, die zu weit gehen. In den subtil-totalitären, liberalistischen Gesellschaften ist das nicht nötig. In ihnen bringen sich die Menschen, die rebellieren und scheitern, selbst um und keiner begreift, warum das so ist.

Der Zusammenbruch findet statt, wenn die Spielregeln des Systems es nicht mehr schaffen, die Masse/Mehrheit mit „Brot und Spielen“ zu versorgen. Das Spiel hat die liberalistische Medien-Gesellschaft mittlerweile perfektioniert. Mit dem Brot scheint die westliche Demokratie und der imperialistische Kapitalismus im Rahmen der Globalisierung Probleme zu bekommen. Antiliberalistische Machtansprüche (z.B. China/Indien/Russland/Islam-Islamismus) werden immer erfolgreicher, weil die liberalistische Freiheits- und Aufklärungsideologie ihre eigenen fundamentalen, internen Widersprüche und Schwächen größenwahnsinnig nicht wahrnimmt. Die Dekadenz lauert überall da, wo man sich zu sicher ist und die eigenen Spielregeln selbst verletzt.

Den ontologischen und erkenntnistheoretischen Hintergrund für diese fatale Entwicklung bietet der Konstruktivismus, der, angestoßen durch Kant, zu einer Geisteskrankheit entartet ist, die die Gehirne der Intellektuellen verseucht hat und antirealistisches und antiwissenschaftliches Fühlen und Denken zu einer ideologischen Selbstverständlichkeit hat werden lassen.
Wer sich, noch selbständig denkend, für eine konsequente, konsistente und kohärente Soziologie als Naturwissenschaft im Anschluss an den Geist Durkheim’s, die dringend notwendig ist, interessiert, kann in meiner FB-Gruppe „Soziologie als Naturwissenschaft“ (inkl. 9 Lektionen von Ontologie bis Empirie) fündig werden.

Quellen
1)https://www.youtube.com/watch?v=cRWEqbl1wmk&t=66s
2) http://gestaltundmeer.de/SOZIOLOGIEHEUTE_AUGUSTausgabe2017_Schwartz.pdf
3) http://gestaltundmeer.de/SOZIOLOGIEHEUTE_AUGUSTausgabe2016_Schwartz.pdf
4) http://gestaltundmeer.de/SOZIOLOGIEHEUTE_Juniausgabe2020_Schwartz.pdf
5) http://gestaltundmeer.de/SOZIOLOGIEHEUTE_APRILausgabe2019_Schwartz.pdf
6) https://soziologiedesunbewussten.blogspot.com/2019/10/vom-liberalismus-zum-faschismus.html
7) http://soziologiedesunbewussten.blogspot.com/2020/06/eine-geisteskrankheit-wird-weltberuhmt.html

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